Der Hochmeister der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften spricht über Papst Leo, Event-Schützen, Europa und die Zukunft des christlichen Brauchtums in Zeiten der Krise.
Seit 15 Jahren stehen Sie als Hochmeister an der Spitze der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften. Warum setzen Sie sich trotz vielfältiger Verpflichtungen für die Schützen ein? Gilt hier “Adel verpflichtet”?
Salm: Im christlichen Sinne möchte ich hier folgendermaßen antworten: Christ sein ist Gnade, Gnade ist Adel und Adel verpflichtet. Dieses Motto verkörpert meine Haltung generell und damit auch zur Aufgabe, den Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften zu führen, so wie ich es von meiner inneren Einstellung aus sehe und handhabe.
Sie tragen den Titel “Fürst”. Wie lässt sich beschreiben, was mit diesem Titel im 21. Jahrhundert verbunden ist?
Salm: Als Klarstellung vorneweg: ich trage nicht den Titel Fürst.
Doch gemäß den Richtlinien des deutschen Adelsrechts stünde mir als Oberhaupt des Hauses – nach Primogenitur – der Titel „Fürst“ zu.
Demnach wäre ich 15. Fürst zu Salm, Wild- und Rheingraf, 10. Fürst zu
Salm-Salm, 10. Fürst zu Salm-Kyrburg, Fürst zu Ahaus und Bocholt, Herzog von Hoogstraeten, Markgraf und Herzog von Monferrato sowie Herr zu Anholt, Vinstingen und Werth.
Doch seit der Abschaffung der Standesvorrechte des Adels 1919 führen unsere Familienmitglieder den Titel „Prinz bzw. Prinzessin“ als Bestandteil unseres bürgerlichen Namens. Ein Titel ist in meinem Fall der erworbene „Dr. jur.“; kaufmännisch unterschreibe ich mit „Dr. Emanuel Prinz zu Salm“.
Soweit ich Briefe oder Urkunden in bestimmten Zusammenhängen mit „Fürst zu Salm“ unterschreibe gibt es jedoch keine Probleme. Urkundenfälschung begehe ich dadurch nicht, das ist richterlich schon vor langer Zeit für ein anderes Haus entschieden worden.
Nun zum zweiten Teil Ihre Frage, was mit diesem Titel „Fürst“ im 21. Jahrhundert verbunden ist. Hier möchte ich differenzierter antworten: Sprechen kann ich allerdings nur für mich, nicht für andere.
Der historische Titel „Fürst“ ist meines Erachtens heute ein Symbol für Verantwortung, aber ohne Macht.
De facto stehen bei mir viele gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben auf der Agenda. Dazu zählen hauptsächlich auch die Bewahrung und Ausübung von kultureller Verantwortung. Konkret: der Erhalt der Wasserburg Anholt für die Allgemeinheit und Öffentlichkeit und die damit verbundene Pflege der Kunst- und Gemäldesammlungen, der Bibliotheken und unseres Archivs von nationaler Bedeutung.
Darüber hinaus spielt die Repräsentation der Geschichte und Tradition unsere Hauses (d.h. von den Niederlanden, über Frankreich, Belgien, und über Österreich bis nach Italien), die Pflege von regionaler und internationaler Geschichte und die Vermittlung eines historischen Gedächtnisses und historischer Kontinuität eine größere Rolle.
Aber auch soziale und karitative Aufgaben nehmen mich in Anspruch. So übernehme ich regelmäßig Schirmherrschaften für soziale Einrichtungen, Bildungs- und Kulturinitiativen, sowie kirchliche oder humanitäre Projekte, wie im Jahr 2018 beim Katholikentag in Münster.
Nicht zuletzt beschäftige ich mich in meinem Tagwerk mit wirtschaftlichen und organisatorischen Aufgaben deren Ertrag die Grundlage bildet, um die Wasserburg Anholt auch für die nächsten Generationen erhalten zu können.
Alle bisherigen Hochmeister gehörten wie Sie dem Hochadel an. Auch andere Verbände rekrutieren ihre Führungskräfte aus dem Adel. Muss das so sein oder ist das eine Referenz an die Vergangenheit, die Glanz verleiht?
Salm: Der Gründer der Erzbruderschaft vom heiligen Sebastianus, mein Onkel Fürst Franz zu Salm-Reifferscheidt-Krautheim und Dyck, sowie mein Vorgänger Hubertus Prinz zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg und ich gehören Familien an, die historisch zum Hochadel gezählt werden. Auf die Familien der Grafen von Galen und Grafen von Spee, die die beiden anderen Hochmeister stellten, traf dies nicht zu, jedoch gehören sie zum sogenannten Uradel.
Es handelt sich bei Ihrer Frage meiner Meinung nach weniger um eine Frage des Standes als um eine Frage der Haltung. Manche Verbände greifen bewusst auf Persönlichkeiten zurück, die aus Häusern stammen, in denen Verantwortung, Kontinuität und Dienst über Generationen hinweg eingeübt wurden. Das ist keine Rückkehr zur Vergangenheit, sondern die Nutzung eines Erfahrungshorizonts, der historisch gewachsen ist.
Der historische Adel verleiht keinen Glanz per se – das haben wir in jüngster Geschichte mehrfach erfahren müssen, aber eins kann man sagen: der historische Adel verpflichtet.
Wenn er heute eine Rolle spielt, dann nicht als Zierde, sondern als Referenz an Verantwortung und Maß. Und damit wären wir wieder beim schon oben erläuterten Punkt der Identitätsstiftung und der schon vorhin erwähnten Repräsentation der Geschichte und Tradition sowie der Pflege von Geschichte und historischer Kontinuität.
Kurz gesagt: Die Auswahl der Verbände orientiert sich grundsätzlich an Eignung und Erfahrung. Dass die Kandidaten dabei auch aus adeligen Häusern stammen, ist weniger eine Reminiszenz als Ausdruck der Tatsache, dass in diesen Familien Verantwortung gelebt und traditionell weitergegeben wird.
Wie würden Sie Ihre Rolle im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften beschreiben? Manche sprechen vom Bundespräsidenten der Schützen, während der Bundesschützenmeister so etwas wie der Bundeskanzler der Bruderschaften ist.
Salm: Vergleiche helfen manchmal beim Verstehen, sollten aber nicht wörtlich genommen werden.
Der BHDS lebt vom Zusammenspiel vieler Ebenen und Persönlichkeiten. Wenn meine Rolle gelegentlich mit der des Bundespräsidenten verglichen wird, dann verstehe ich das weniger als Beschreibung eines Amtes, denn als Hinweis auf eine vermittelnde, orientierende Funktion.
Ich sehe meine Aufgabe vor allem darin, Kontinuität zu wahren, Maß zu halten und dort zu wirken, wo Erfahrung, Ausgleich und leise Beratung gefragt sind. Die operative Führung liegt beim Bundesschützenmeister – und das ist gut so –, während meine Rolle eher darin besteht, den Rahmen mitzugestalten, in dem sich dieses Handeln entfalten kann.
Meine Rolle war und ist bewusst keine laute. Wenn man im Zusammenhang mit meinem Amt von einer ‚grauen Eminenz‘ spricht, dann verstehe ich das nicht als Machtposition, sondern als Vertrauensfunktion im Hintergrund. Meine Aufgabe sehe ich darin, Erfahrung einzubringen, Zusammenhänge im Blick zu behalten und dort zu unterstützen, wo Kontinuität und Ausgleich gefragt sind.
Entscheidend war und ist dabei stets die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den jeweiligen Bundesschützenmeistern, mit denen ich arbeiten durfte und darf. Dieses Miteinander – geprägt von gegenseitigem Respekt, Loyalität und gemeinsamer Verantwortung – ist die eigentliche Stärke unserer Bundesspitze. Und eins dürfen wir dabei nicht vergessen: Ohne den Heiligen Geist wäre keine unserer Gespräche mit Früchten gesegnet. Daher gehört der Bundespräses unweigerlich und unumgänglich zur Bundesspitze.
Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften umfasst 1300 Mitgliedsvereinigungen mit 300.000 Schützenbrüdern und ‑schwestern. Was bewegt die Menschen, sich in so großer Zahl dem Brauchtum zu widmen?
Salm: Es ist die Verbindung aus Gemeinschaft, Sinn und Verlässlichkeit, die die Menschen bis heute im BHDS trägt.
In den Bruderschaften geht es nicht allein um die Pflege von Brauchtum, sondern um gelebte Gemeinschaft über Generationen hinweg. Menschen finden hier Heimat, Orientierung und Verantwortung. Dieses Selbstverständnis zeigt sich ganz konkret im caritativen Engagement, in ehrenamtlicher Verantwortung und in der Bereitschaft, füreinander einzustehen.
Gerade die Verbindung aus Wertorientierung, Gemeinsinn und aktiver Gemeinschaft macht die besondere Stärke und Attraktivität des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften aus.
Kritiker sagen, vom Leitwort “Für Glaube, Sitte und Heimat” sei im Außenauftritt nur das Feiern geblieben. Geht der Trend zum Event-Schützen, der das fröhliche Miteinander an erster Stelle sieht und die Werte vergisst?
Salm: Diese Kritik greift aus meiner Sicht zu kurz und verkennt das Wesen der Schützenbruderschaften.
Das Leitwort ‚Für Glaube, Sitte und Heimat‘ ist kein dekorativer Anspruch, sondern der innere Maßstab unseres Handelns.
Dass nach außen häufig das Fest wahrgenommen wird, ist verständlich – denn das Schützenfest ist einmal im Jahr der sichtbare Ausdruck einer Gemeinschaft, die das ganze Jahr über getragen wird von Einsatz, Ehrenamt und gelebtem Glauben. Das Fest ist nicht der Ersatz für Werte, sondern deren Frucht. Es ist Ausdruck von Dankbarkeit, von Zusammenhalt und von christlicher Lebensfreude.
Wer von ‚Event-Schützen‘ spricht, meint in der Regel eine Haltung, die sich ausschließlich an Gaudi, Party und Selbstinszenierung orientiert. Das ist nicht das Leitbild unseres Bundes. Freude, Geselligkeit und Fröhlichkeit haben ihren festen Platz – aber immer eingebettet in Maß, Verantwortung und Werteorientierung. Christlicher Glaube schließt Lebensfreude nicht aus; er ordnet sie ein.
Gerade in einer Zeit, in der vieles beliebig geworden ist, halten die Schützenbruderschaften bewusst an Verbindlichkeit, Haltung und Gemeinsinn fest. Sie erinnern daran, dass Gemeinschaft mehr ist als ein Event, dass Heimat Verantwortung bedeutet und dass Glaube sich im Dienst am Nächsten bewährt.
Mit seinem Unvereinbarkeitsbeschluss hat sich der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften klar von der AfD abgegrenzt und sich gegen zunehmende extremistische Tendenzen in der Gesellschaft positioniert. Sehen Sie die Gefahr, dass die Schützen in die “rechte Ecke” gestellt werden?
Salm: Der Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften lässt sich weder in eine rechte noch in eine linke Ecke stellen.
Mit seinem Unvereinbarkeitsbeschluss hat der Bund unmissverständlich und grundlegend deutlich gemacht, dass für extremistische Positionen in seinen Reihen kein Platz ist – unabhängig davon, aus welcher politischen Richtung sie kommen.
Die Schützenbruderschaften verstehen sich nicht als politische Akteure, sondern als Teil der Zivilgesellschaft, fest verankert in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung unseres Landes. Ihre Aufgabe ist es, Identität zu stiften – nicht durch Ausgrenzung oder Ideologie, sondern auf der Grundlage des Bürgerlichen Gesetzbuches, des Vereinsrechts und der Werte unserer zivilrechtlich geprägten Gesellschaft. Diese Identität gründet auf christlichen Überzeugungen, auf Verantwortung füreinander und auf dem Einsatz für das Gemeinwohl.
Maßstab allen Handelns ist für den Bund Artikel 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Grundsatz gilt ohne Einschränkung und verpflichtet dazu, jedem Menschen mit Respekt, Achtung und Offenheit zu begegnen. Daran muss sich politisches wie gesellschaftliches Handeln messen lassen.
In diesem Sinne wenden sich unsere Schützenbruderschaften konsequent gegen jede Form von Extremismus – gleich ob von rechts oder von links. Sie stehen für Maß, Mitte und Verantwortung, für Heimatverbundenheit ohne Abschottung und für Tradition, die sich klar an den Werten einer offenen, demokratischen Gesellschaft orientiert.
Zuletzt war NRW-Innenminister Herbert Reul bei der Hauptvorstandssitzung zu Gast. Er sprach über Extremismus, nahm aber auch zu Fragen der inneren Sicherheit Stellung. Ist die Sicherheitsfrage (Stichwort Gefahrenabwehr) die größte Sorge der Vereine?
Salm: Nein, die Sicherheitsfrage ist nicht die größte Sorge der Vereine, aber sie ist zu einem entscheidenden Rahmenfaktor geworden. Fragen der Sicherheit und Gefahrenabwehr haben einen wachsenden Einfluss darauf, in welcher Form Brauchtumsfeste künftig überhaupt noch stattfinden können.
Entscheidend ist dabei aus meiner Sicht der frühzeitige und persönliche Dialog mit den örtlichen Ordnungsbehörden. Wo dieser Dialog auf Augenhöhe gelingt, lassen sich tragfähige Lösungen finden, die Sicherheit gewährleisten und zugleich dem Charakter unserer Feste gerecht werden. Schwierigkeiten entstehen weniger aus der Sicherheitsfrage an sich, sondern aus Kostenentwicklungen, aus der verständlichen Vorsicht von Entscheidungsträgern in den Verwaltungen und nicht zuletzt aus unterschiedlichen Auffassungen darüber, was Brauchtum bedeutet und wie es gelebt wird.
Hier braucht es erklärenden, respektvollen Austausch und gegenseitiges Verständnis. Sicherheit muss gewährleistet sein, aber sie darf nicht dazu führen, dass Brauchtum faktisch unmöglich wird, weil Konzepte finanziell nicht mehr leistbar sind oder ausschließlich am buchstabengetreuen Vollzug von Regelwerken orientiert werden.
Deshalb wird es künftig auch notwendig sein, neue Wege zu gehen: Vereine werden sich organisatorisch anders aufstellen müssen, stärker kooperieren und auch auf politischer Ebene überregional das Gespräch suchen. Das letzte Bundesfest in Mönchengladbach hat gezeigt, dass solche Wege möglich sind, wenn Dialog, Initiative und gemeinsames Verantwortungsbewusstsein zusammenkommen.
Wie wichtig ist die europäische Idee und das grenzüberschreitende Miteinander der Brauchtumsfreunde für die deutschen Schützenbruderschaften?
Salm: Schützenbruderschaften waren immer mehr als lokale Vereine. Sie sind historisch gewachsene Gemeinschaften, die Verantwortung, Solidarität und Frieden über Grenzen hinweg gelebt haben – lange bevor Europa politisch zusammengewachsen ist. Das gemeinsame Brauchtum, die gegenseitige Wertschätzung und der persönliche Austausch mit Schützenfreunden in unseren Nachbarländern schaffen Vertrauen und Verständigung dort, wo politische Prozesse oft abstrakt bleiben.
Europa ist für uns keine ferne Institution, sondern eine Wertegemeinschaft, wie sie in den Verträgen der Europäischen Union festgeschrieben ist. Grenzüberschreitende Begegnungen und partnerschaftliches Brauchtum machen diese Werte erfahrbar und erfüllen sie mit Leben.
Gerade deshalb wenden wir uns klar gegen Nationalismus, Abschottung und jede Form von Ausgrenzung. Ein Europa, das sich auf sich selbst zurückzieht oder das Verbindende dem Trennenden opfert, widerspricht sowohl seiner eigenen Idee als auch unserem Selbstverständnis. Heimatverbundenheit bedeutet für uns nicht Abgrenzung, sondern Verantwortung – auch über nationale Grenzen hinaus.
Dass dieses europäische Verantwortungsbewusstsein kein bloßes Bekenntnis ist, zeigt sich besonders in Zeiten der Bewährung. Seit dem ersten Tag des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine haben zahlreiche Schützenbruderschaften konkrete Solidarität gelebt – durch humanitäre Hilfe an ihre Schützenbrüder vor Ort, Spendenaktionen, die Aufnahme Geflüchteter und persönliche Unterstützung.
Gerade in einer Zeit wachsender nationalistischer Tendenzen verstehen sich die Schützenbruderschaften bewusst als Teil der europäischen Zivilgesellschaft. Sie stehen für ein Europa der Regionen, der Begegnung und des Dialogs – ein Europa, das aus seiner Geschichte gelernt hat und das Zusammenhalt nicht durch Abschottung, sondern durch Solidarität und Verantwortung sichert.
Was erwarten Sie vom neuen Papst Leo XIV.? Ein stärkeres Bekenntnis zur Tradition? Was bedeutet es, dass der BHDS als katholischer Verband anerkannt ist?
Salm: In seinen ersten Worten an die Medien hat Papst Leo XIV. sehr bewusst an deren moralische Verantwortung erinnert: an die Verpflichtung zur Wahrheit, zur Wahrhaftigkeit und zum Dienst am Menschen. Damit hat er gleich zu Beginn deutlich gemacht, dass Kommunikation niemals neutral ist, sondern immer ethische Folgen hat. Diese Klarheit ist ein wichtiges Signal in einer Zeit, in der öffentliche Debatten allzu oft von Zuspitzung und Polarisierung geprägt sind.
Die Frage nach einem stärkeren Bekenntnis zur Tradition greift dabei aus meiner Sicht zu kurz, wenn Tradition lediglich als Rückgriff auf frühere Formen verstanden wird. Kirchengeschichtlich ist Tradition kein starres Festhalten, sondern die lebendige Weitergabe des Glaubens – traditio im eigentlichen Sinn. Die Kirche hat sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte immer weiterentwickelt, ohne ihren Kern zu verlieren. Unser Papst steht daher nicht in Konkurrenz zu seinen Vorgängern, sondern in der Kontinuität des Petrusdienstes.
In diesem Zusammenhang gehört auch die kritische Auseinandersetzung mit dem momentanen deutschen Weg zur Ehrlichkeit. Ich meine damit den sogenannten synodalen Weg. Teile dieser Diskussionen sind aus dem berechtigten Anliegen nach Reform und Glaubwürdigkeit entstanden, andere haben jedoch Erwartungen geweckt, die kirchenrechtlich und ekklesiologisch nicht erfüllbar sind.
Die Anerkennung des BHDS als katholischer Verband ist kein Ehrentitel, sondern ein Auftrag. Sie bedeutet, dass der Bund sich ausdrücklich zur Lehre der Kirche bekennt, in Gemeinschaft mit dem Papst und den Bischöfen steht und seine Tätigkeit aus dem christlichen Menschenbild heraus gestaltet. Der Verband versteht sich als Teil der Kirche und handelt in Loyalität gegenüber dem Lehramt, insbesondere gegenüber dem Papst in seinem Amt als Bischof von Rom.
In diesem Sinne erwarten wir vom Heiligen Vater Orientierung, geistliche Klarheit und den Mut, die Kirche in einer sich wandelnden Welt zusammenzuhalten.
Was macht Ihnen in Ihrem Amt besondere Freude, was ist eher eine Last?
Salm: Die größte Freude an meinem Amt sind ganz eindeutig die Begegnungen mit den Menschen. Wer viel unterwegs ist, merkt schnell: Hinter jeder Bruderschaft stehen Persönlichkeiten, Engagement und eine beeindruckende Herzlichkeit. Diese Nähe zur Basis ist ein echtes Privileg – und ehrlich gesagt auch der Grund, warum man als Hochmeister vieles gerne auf sich nimmt.
Was mich zu Beginn meiner Amtszeit allerdings wirklich überrascht hat, war weniger die inhaltliche Verantwortung als vielmehr die Terminlage. Plötzlich hatte ich – zusätzlich zu meinen sonstigen Verpflichtungen – rund hundert Termine kreuz und quer durch die Republik im Kalender. Das war nicht nur eine Überraschung, sondern eine sportliche Disziplin für sich. Man lernt sehr schnell, dass ein Auto kein Büro ersetzt – aber manchmal so genutzt wird.
Also haben wir im Vorstand die Aufgaben neu zugeschnitten, Verleihungsregeln klarer gefasst, Stellvertreter im Präsidium geschaffen und vor allem die Terminstruktur grundlegend verändert. Seitdem verstehe ich mich – mit einem Augenzwinkern – ein wenig wie ein Weihbischof auf Visitation: Ich besuche nicht mehr alle Diözesanverbände gleichzeitig, sondern gezielt. Jedes Jahr erhält eine der sechs Diözesen besondere Aufmerksamkeit und wird bei der Terminplanung entsprechend berücksichtigt. Das Ergebnis ist deutlich entspannter – für alle Beteiligten.
Zurück zum Adel. Wie lautet die korrekte Anrede, wenn man nicht auf “Herr Hochmeister” verkürzen will? Durchlaucht?
Salm: Historisch betrachtet wäre ‚Durchlaucht‘ durchaus korrekt. Der Ausdruck stammt aus dem spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Reichsrecht und bezeichnete ursprünglich die ‚durchleuchtete‘, also hervorgehobene Stellung eines Fürsten. Durchlaucht war kein bloßer Höflichkeitstitel, sondern Ausdruck realer Herrschaft, Gerichtsbarkeit und Verantwortung. Er setzte Souveränität voraus – und war damit alles andere als eine Floskel für den Alltag.
Heute jedoch leben wir in einem bürgerlich-rechtlichen Staat, und damit hat sich auch der rechtliche Rahmen der Anrede grundlegend verändert. Die formal korrekte Anrede lautet folgerichtig – und vielleicht auch durchaus beeindruckend in ihrer Länge: ‚Herr Dr. Prinz zu Salm und Salm-Salm, Wild- und Rheingraf‘. Das ist eine Anrede, die Respekt einflößt – vor allem vor der Atemtechnik des Sprechenden und eine Namenslänge, die auf beiden Seiten ein gewisses Maß an Geduld voraussetzt. In meinem früheren Berufsleben hat sich daher ganz pragmatisch die Kurzform ‚Prinz Salm‘ oder ‚Dr. zu Salm‘ etabliert – handhabbar, verständlich und vollkommen ausreichend.
Was sind die größten Herausforderungen in dieser Zeit fürs Brauchtum? Welche Hoffnungen und Wünsche verbinden Sie mit den Schützenwesen im 16. Jahr Ihrer Amtszeit?
Salm: Ehrenamt konkurriert heute mit beruflicher Belastung, familiären Verpflichtungen, und einer Vielzahl anderer Angebote. Hinzu kommen steigende organisatorische, rechtliche und finanzielle Anforderungen – etwa bei Sicherheitsauflagen, Genehmigungsverfahren oder Versicherungsfragen –, die gerade kleinere Vereine an ihre Grenzen bringen können.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, Brauchtum verständlich zu machen. Traditionen erklären sich heute nicht mehr von selbst. Sie müssen begründet, eingeordnet und immer wieder neu mit Leben gefüllt werden, damit sie nicht als Folklore missverstanden werden.
Gleichzeitig sehe ich große Chancen. Gerade in einer Zeit der Verunsicherung suchen viele Menschen nach Verlässlichkeit, Gemeinschaft und Sinn. Ich wünsche mir ein Schützenwesen, das selbstbewusst zu seinen Werten steht, ohne sich abzuschotten. Ein Schützenwesen, das junge Menschen anspricht, ihnen Verantwortung zutraut und ihnen Raum zur Mitgestaltung gibt. Und ein Schützenwesen, das den Dialog sucht – mit Kirche, Gesellschaft, Politik und Verwaltung –, um auch unter veränderten Bedingungen handlungsfähig zu bleiben.





