Horst Tho­ren // Der Schüt­zen­bru­der // 23.01.2026

„Für Glaube, Sitte und Hei­mat ist der innere Maß­stab unse­res Handelns“
Hoch­meis­ter als Festredner
Hoch­meis­ter mit Bundesstandarte
Hoch­meis­ter 2011

Der Hoch­meis­ter der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten spricht über Papst Leo, Event-Schüt­zen, Europa und die Zukunft des christ­li­chen Brauch­tums in Zei­ten der Krise.

Seit 15 Jah­ren ste­hen Sie als Hoch­meis­ter an der Spitze der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten. Warum set­zen Sie sich trotz viel­fäl­ti­ger Ver­pflich­tun­gen für die Schüt­zen ein? Gilt hier “Adel verpflichtet”?
Salm: Im christ­li­chen Sinne möchte ich hier fol­gen­der­ma­ßen ant­wor­ten: Christ sein ist Gnade, Gnade ist Adel und Adel ver­pflich­tet. Die­ses Motto ver­kör­pert meine Hal­tung gene­rell und damit auch zur Auf­gabe, den Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten zu füh­ren, so wie ich es von mei­ner inne­ren Ein­stel­lung aus sehe und handhabe.

Sie tra­gen den Titel “Fürst”. Wie lässt sich beschrei­ben, was mit die­sem Titel im 21. Jahr­hun­dert ver­bun­den ist?
Salm: Als Klar­stel­lung vor­ne­weg: ich trage nicht den Titel Fürst. 
Doch gemäß den Richt­li­nien des deut­schen Adels­rechts stünde mir als Ober­haupt des Hau­ses – nach Pri­mo­ge­ni­tur – der Titel „Fürst“ zu. 
Dem­nach wäre ich 15. Fürst zu Salm, Wild- und Rhein­graf, 10. Fürst zu 
Salm-Salm, 10. Fürst zu Salm-Kyr­burg, Fürst zu Ahaus und Bocholt, Her­zog von Hoogs­trae­ten, Mark­graf und Her­zog von Mon­fer­rato sowie Herr zu Anholt, Vin­stin­gen und Werth.
Doch seit der Abschaf­fung der Stan­des­vor­rechte des Adels 1919 füh­ren unsere Fami­li­en­mit­glie­der den Titel „Prinz bzw. Prin­zes­sin“ als Bestand­teil unse­res bür­ger­li­chen Namens. Ein Titel ist in mei­nem Fall der erwor­bene „Dr. jur.“; kauf­män­nisch unter­schreibe ich mit „Dr. Ema­nuel Prinz zu Salm“.
Soweit ich Briefe oder Urkun­den in bestimm­ten Zusam­men­hän­gen mit „Fürst zu Salm“ unter­schreibe gibt es jedoch keine Pro­bleme. Urkun­den­fäl­schung begehe ich dadurch nicht, das ist rich­ter­lich schon vor lan­ger Zeit für ein ande­res Haus ent­schie­den worden.
Nun zum zwei­ten Teil Ihre Frage, was mit die­sem Titel „Fürst“ im 21. Jahr­hun­dert ver­bun­den ist. Hier möchte ich dif­fe­ren­zier­ter ant­wor­ten: Spre­chen kann ich aller­dings nur für mich, nicht für andere.
Der his­to­ri­sche Titel „Fürst“ ist mei­nes Erach­tens heute ein Sym­bol für Ver­ant­wor­tung, aber ohne Macht.
De facto ste­hen bei mir viele gesell­schaft­li­che und kul­tu­relle Auf­ga­ben auf der Agenda. Dazu zäh­len haupt­säch­lich auch die Bewah­rung und Aus­übung von kul­tu­rel­ler Ver­ant­wor­tung. Kon­kret: der Erhalt der Was­ser­burg Anholt für die All­ge­mein­heit und Öffent­lich­keit und die damit ver­bun­dene Pflege der Kunst- und Gemäl­de­samm­lun­gen, der Biblio­the­ken und unse­res Archivs von natio­na­ler Bedeutung.
Dar­über hin­aus spielt die Reprä­sen­ta­tion der Geschichte und Tra­di­tion unsere Hau­ses (d.h. von den Nie­der­lan­den, über Frank­reich, Bel­gien, und über Öster­reich bis nach Ita­lien), die Pflege von regio­na­ler und inter­na­tio­na­ler Geschichte und die Ver­mitt­lung eines his­to­ri­schen Gedächt­nis­ses und his­to­ri­scher Kon­ti­nui­tät eine grö­ßere Rolle.
Aber auch soziale und kari­ta­tive Auf­ga­ben neh­men mich in Anspruch. So über­nehme ich regel­mä­ßig Schirm­herr­schaf­ten für soziale Ein­rich­tun­gen, Bil­dungs- und Kul­tur­in­itia­ti­ven, sowie kirch­li­che oder huma­ni­täre Pro­jekte, wie im Jahr 2018 beim Katho­li­ken­tag in Münster. 
Nicht zuletzt beschäf­tige ich mich in mei­nem Tag­werk mit wirt­schaft­li­chen und orga­ni­sa­to­ri­schen Auf­ga­ben deren Ertrag die Grund­lage bil­det, um die Was­ser­burg Anholt auch für die nächs­ten Gene­ra­tio­nen erhal­ten zu können.

Alle bis­he­ri­gen Hoch­meis­ter gehör­ten wie Sie dem Hoch­adel an. Auch andere Ver­bände rekru­tie­ren ihre Füh­rungs­kräfte aus dem Adel. Muss das so sein oder ist das eine Refe­renz an die Ver­gan­gen­heit, die Glanz verleiht?
Salm: Der Grün­der der Erz­bru­der­schaft vom hei­li­gen Sebas­tia­nus, mein Onkel Fürst Franz zu Salm-Reif­fer­scheidt-Kraut­heim und Dyck, sowie mein Vor­gän­ger Huber­tus Prinz zu Sayn-Witt­gen­stein-Ber­le­burg und ich gehö­ren Fami­lien an, die his­to­risch zum Hoch­adel gezählt wer­den. Auf die Fami­lien der Gra­fen von Galen und Gra­fen von Spee, die die bei­den ande­ren Hoch­meis­ter stell­ten, traf dies nicht zu, jedoch gehö­ren sie zum soge­nann­ten Uradel.
Es han­delt sich bei Ihrer Frage mei­ner Mei­nung nach weni­ger um eine Frage des Stan­des als um eine Frage der Hal­tung. Man­che Ver­bände grei­fen bewusst auf Per­sön­lich­kei­ten zurück, die aus Häu­sern stam­men, in denen Ver­ant­wor­tung, Kon­ti­nui­tät und Dienst über Gene­ra­tio­nen hin­weg ein­ge­übt wur­den. Das ist keine Rück­kehr zur Ver­gan­gen­heit, son­dern die Nut­zung eines Erfah­rungs­ho­ri­zonts, der his­to­risch gewach­sen ist. 
Der his­to­ri­sche Adel ver­leiht kei­nen Glanz per se – das haben wir in jüngs­ter Geschichte mehr­fach erfah­ren müs­sen, aber eins kann man sagen: der his­to­ri­sche Adel verpflichtet. 
Wenn er heute eine Rolle spielt, dann nicht als Zierde, son­dern als Refe­renz an Ver­ant­wor­tung und Maß. Und damit wären wir wie­der beim schon oben erläu­ter­ten Punkt der Iden­ti­täts­stif­tung und der schon vor­hin erwähn­ten Reprä­sen­ta­tion der Geschichte und Tra­di­tion sowie der Pflege von Geschichte und his­to­ri­scher Kontinuität. 
Kurz gesagt: Die Aus­wahl der Ver­bände ori­en­tiert sich grund­sätz­lich an Eig­nung und Erfah­rung. Dass die Kan­di­da­ten dabei auch aus ade­li­gen Häu­sern stam­men, ist weni­ger eine Remi­nis­zenz als Aus­druck der Tat­sa­che, dass in die­sen Fami­lien Ver­ant­wor­tung gelebt und tra­di­tio­nell wei­ter­ge­ge­ben wird.

Wie wür­den Sie Ihre Rolle im Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten beschrei­ben? Man­che spre­chen vom Bun­des­prä­si­den­ten der Schüt­zen, wäh­rend der Bun­des­schüt­zen­meis­ter so etwas wie der Bun­des­kanz­ler der Bru­der­schaf­ten ist.
Salm: Ver­glei­che hel­fen manch­mal beim Ver­ste­hen, soll­ten aber nicht wört­lich genom­men werden.
Der BHDS lebt vom Zusam­men­spiel vie­ler Ebe­nen und Per­sön­lich­kei­ten. Wenn meine Rolle gele­gent­lich mit der des Bun­des­prä­si­den­ten ver­gli­chen wird, dann ver­stehe ich das weni­ger als Beschrei­bung eines Amtes, denn als Hin­weis auf eine ver­mit­telnde, ori­en­tie­rende Funktion.
Ich sehe meine Auf­gabe vor allem darin, Kon­ti­nui­tät zu wah­ren, Maß zu hal­ten und dort zu wir­ken, wo Erfah­rung, Aus­gleich und leise Bera­tung gefragt sind. Die ope­ra­tive Füh­rung liegt beim Bun­des­schüt­zen­meis­ter – und das ist gut so –, wäh­rend meine Rolle eher darin besteht, den Rah­men mit­zu­ge­stal­ten, in dem sich die­ses Han­deln ent­fal­ten kann.
Meine Rolle war und ist bewusst keine laute. Wenn man im Zusam­men­hang mit mei­nem Amt von einer ‚grauen Emi­nenz‘ spricht, dann ver­stehe ich das nicht als Macht­po­si­tion, son­dern als Ver­trau­ens­funk­tion im Hin­ter­grund. Meine Auf­gabe sehe ich darin, Erfah­rung ein­zu­brin­gen, Zusam­men­hänge im Blick zu behal­ten und dort zu unter­stüt­zen, wo Kon­ti­nui­tät und Aus­gleich gefragt sind.
Ent­schei­dend war und ist dabei stets die enge und ver­trau­ens­volle Zusam­men­ar­beit mit den jewei­li­gen Bun­des­schüt­zen­meis­tern, mit denen ich arbei­ten durfte und darf. Die­ses Mit­ein­an­der – geprägt von gegen­sei­ti­gem Respekt, Loya­li­tät und gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung – ist die eigent­li­che Stärke unse­rer Bun­des­spitze. Und eins dür­fen wir dabei nicht ver­ges­sen: Ohne den Hei­li­gen Geist wäre keine unse­rer Gesprä­che mit Früch­ten geseg­net. Daher gehört der Bun­des­prä­ses unwei­ger­lich und unum­gäng­lich zur Bundesspitze.

Der Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten umfasst 1300 Mit­glieds­ver­ei­ni­gun­gen mit 300.000 Schüt­zen­brü­dern und ‑schwes­tern. Was bewegt die Men­schen, sich in so gro­ßer Zahl dem Brauch­tum zu widmen?
Salm: Es ist die Ver­bin­dung aus Gemein­schaft, Sinn und Ver­läss­lich­keit, die die Men­schen bis heute im BHDS trägt.
In den Bru­der­schaf­ten geht es nicht allein um die Pflege von Brauch­tum, son­dern um gelebte Gemein­schaft über Gene­ra­tio­nen hin­weg. Men­schen fin­den hier Hei­mat, Ori­en­tie­rung und Ver­ant­wor­tung. Die­ses Selbst­ver­ständ­nis zeigt sich ganz kon­kret im cari­ta­ti­ven Enga­ge­ment, in ehren­amt­li­cher Ver­ant­wor­tung und in der Bereit­schaft, für­ein­an­der einzustehen.
Gerade die Ver­bin­dung aus Wert­ori­en­tie­rung, Gemein­sinn und akti­ver Gemein­schaft macht die beson­dere Stärke und Attrak­ti­vi­tät des Bun­des der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten aus.

Kri­ti­ker sagen, vom Leit­wort “Für Glaube, Sitte und Hei­mat” sei im Außen­auf­tritt nur das Fei­ern geblie­ben. Geht der Trend zum Event-Schüt­zen, der das fröh­li­che Mit­ein­an­der an ers­ter Stelle sieht und die Werte vergisst?
Salm: Diese Kri­tik greift aus mei­ner Sicht zu kurz und ver­kennt das Wesen der Schützenbruderschaften.
Das Leit­wort ‚Für Glaube, Sitte und Hei­mat‘ ist kein deko­ra­ti­ver Anspruch, son­dern der innere Maß­stab unse­res Handelns. 
Dass nach außen häu­fig das Fest wahr­ge­nom­men wird, ist ver­ständ­lich – denn das Schüt­zen­fest ist ein­mal im Jahr der sicht­bare Aus­druck einer Gemein­schaft, die das ganze Jahr über getra­gen wird von Ein­satz, Ehren­amt und geleb­tem Glau­ben. Das Fest ist nicht der Ersatz für Werte, son­dern deren Frucht. Es ist Aus­druck von Dank­bar­keit, von Zusam­men­halt und von christ­li­cher Lebensfreude.
Wer von ‚Event-Schüt­zen‘ spricht, meint in der Regel eine Hal­tung, die sich aus­schließ­lich an Gaudi, Party und Selbst­in­sze­nie­rung ori­en­tiert. Das ist nicht das Leit­bild unse­res Bun­des. Freude, Gesel­lig­keit und Fröh­lich­keit haben ihren fes­ten Platz – aber immer ein­ge­bet­tet in Maß, Ver­ant­wor­tung und Wer­te­ori­en­tie­rung. Christ­li­cher Glaube schließt Lebens­freude nicht aus; er ord­net sie ein.
Gerade in einer Zeit, in der vie­les belie­big gewor­den ist, hal­ten die Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bewusst an Ver­bind­lich­keit, Hal­tung und Gemein­sinn fest. Sie erin­nern daran, dass Gemein­schaft mehr ist als ein Event, dass Hei­mat Ver­ant­wor­tung bedeu­tet und dass Glaube sich im Dienst am Nächs­ten bewährt.

Mit sei­nem Unver­ein­bar­keits­be­schluss hat sich der Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten klar von der AfD abge­grenzt und sich gegen zuneh­mende extre­mis­ti­sche Ten­den­zen in der Gesell­schaft posi­tio­niert. Sehen Sie die Gefahr, dass die Schüt­zen in die “rechte Ecke” gestellt werden?
Salm: Der Bund der His­to­ri­schen Deut­schen Schüt­zen­bru­der­schaf­ten lässt sich weder in eine rechte noch in eine linke Ecke stellen.
Mit sei­nem Unver­ein­bar­keits­be­schluss hat der Bund unmiss­ver­ständ­lich und grund­le­gend deut­lich gemacht, dass für extre­mis­ti­sche Posi­tio­nen in sei­nen Rei­hen kein Platz ist – unab­hän­gig davon, aus wel­cher poli­ti­schen Rich­tung sie kommen. 
Die Schüt­zen­bru­der­schaf­ten ver­ste­hen sich nicht als poli­ti­sche Akteure, son­dern als Teil der Zivil­ge­sell­schaft, fest ver­an­kert in der frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung unse­res Lan­des. Ihre Auf­gabe ist es, Iden­ti­tät zu stif­ten – nicht durch Aus­gren­zung oder Ideo­lo­gie, son­dern auf der Grund­lage des Bür­ger­li­chen Gesetz­bu­ches, des Ver­eins­rechts und der Werte unse­rer zivil­recht­lich gepräg­ten Gesell­schaft. Diese Iden­ti­tät grün­det auf christ­li­chen Über­zeu­gun­gen, auf Ver­ant­wor­tung für­ein­an­der und auf dem Ein­satz für das Gemeinwohl.
Maß­stab allen Han­delns ist für den Bund Arti­kel 1 des Grund­ge­set­zes: „Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar.“ Die­ser Grund­satz gilt ohne Ein­schrän­kung und ver­pflich­tet dazu, jedem Men­schen mit Respekt, Ach­tung und Offen­heit zu begeg­nen. Daran muss sich poli­ti­sches wie gesell­schaft­li­ches Han­deln mes­sen lassen.
In die­sem Sinne wen­den sich unsere Schüt­zen­bru­der­schaf­ten kon­se­quent gegen jede Form von Extre­mis­mus – gleich ob von rechts oder von links. Sie ste­hen für Maß, Mitte und Ver­ant­wor­tung, für Hei­mat­ver­bun­den­heit ohne Abschot­tung und für Tra­di­tion, die sich klar an den Wer­ten einer offe­nen, demo­kra­ti­schen Gesell­schaft orientiert.

Zuletzt war NRW-Innen­mi­nis­ter Her­bert Reul bei der Haupt­vor­stands­sit­zung zu Gast. Er sprach über Extre­mis­mus, nahm aber auch zu Fra­gen der inne­ren Sicher­heit Stel­lung. Ist die Sicher­heits­frage (Stich­wort Gefah­ren­ab­wehr) die größte Sorge der Vereine?
Salm: Nein, die Sicher­heits­frage ist nicht die größte Sorge der Ver­eine, aber sie ist zu einem ent­schei­den­den Rah­men­fak­tor gewor­den. Fra­gen der Sicher­heit und Gefah­ren­ab­wehr haben einen wach­sen­den Ein­fluss dar­auf, in wel­cher Form Brauch­tums­feste künf­tig über­haupt noch statt­fin­den können.
Ent­schei­dend ist dabei aus mei­ner Sicht der früh­zei­tige und per­sön­li­che Dia­log mit den ört­li­chen Ord­nungs­be­hör­den. Wo die­ser Dia­log auf Augen­höhe gelingt, las­sen sich trag­fä­hige Lösun­gen fin­den, die Sicher­heit gewähr­leis­ten und zugleich dem Cha­rak­ter unse­rer Feste gerecht wer­den. Schwie­rig­kei­ten ent­ste­hen weni­ger aus der Sicher­heits­frage an sich, son­dern aus Kos­ten­ent­wick­lun­gen, aus der ver­ständ­li­chen Vor­sicht von Ent­schei­dungs­trä­gern in den Ver­wal­tun­gen und nicht zuletzt aus unter­schied­li­chen Auf­fas­sun­gen dar­über, was Brauch­tum bedeu­tet und wie es gelebt wird.
Hier braucht es erklä­ren­den, respekt­vol­len Aus­tausch und gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis. Sicher­heit muss gewähr­leis­tet sein, aber sie darf nicht dazu füh­ren, dass Brauch­tum fak­tisch unmög­lich wird, weil Kon­zepte finan­zi­ell nicht mehr leist­bar sind oder aus­schließ­lich am buch­sta­ben­ge­treuen Voll­zug von Regel­wer­ken ori­en­tiert werden.
Des­halb wird es künf­tig auch not­wen­dig sein, neue Wege zu gehen: Ver­eine wer­den sich orga­ni­sa­to­risch anders auf­stel­len müs­sen, stär­ker koope­rie­ren und auch auf poli­ti­scher Ebene über­re­gio­nal das Gespräch suchen. Das letzte Bun­des­fest in Mön­chen­glad­bach hat gezeigt, dass sol­che Wege mög­lich sind, wenn Dia­log, Initia­tive und gemein­sa­mes Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein zusammenkommen.

Wie wich­tig ist die euro­päi­sche Idee und das grenz­über­schrei­tende Mit­ein­an­der der Brauch­tums­freunde für die deut­schen Schützenbruderschaften?
Salm: Schüt­zen­bru­der­schaf­ten waren immer mehr als lokale Ver­eine. Sie sind his­to­risch gewach­sene Gemein­schaf­ten, die Ver­ant­wor­tung, Soli­da­ri­tät und Frie­den über Gren­zen hin­weg gelebt haben – lange bevor Europa poli­tisch zusam­men­ge­wach­sen ist. Das gemein­same Brauch­tum, die gegen­sei­tige Wert­schät­zung und der per­sön­li­che Aus­tausch mit Schüt­zen­freun­den in unse­ren Nach­bar­län­dern schaf­fen Ver­trauen und Ver­stän­di­gung dort, wo poli­ti­sche Pro­zesse oft abs­trakt bleiben.
Europa ist für uns keine ferne Insti­tu­tion, son­dern eine Wer­te­ge­mein­schaft, wie sie in den Ver­trä­gen der Euro­päi­schen Union fest­ge­schrie­ben ist. Grenz­über­schrei­tende Begeg­nun­gen und part­ner­schaft­li­ches Brauch­tum machen diese Werte erfahr­bar und erfül­len sie mit Leben.
Gerade des­halb wen­den wir uns klar gegen Natio­na­lis­mus, Abschot­tung und jede Form von Aus­gren­zung. Ein Europa, das sich auf sich selbst zurück­zieht oder das Ver­bin­dende dem Tren­nen­den opfert, wider­spricht sowohl sei­ner eige­nen Idee als auch unse­rem Selbst­ver­ständ­nis. Hei­mat­ver­bun­den­heit bedeu­tet für uns nicht Abgren­zung, son­dern Ver­ant­wor­tung – auch über natio­nale Gren­zen hinaus.
Dass die­ses euro­päi­sche Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein kein blo­ßes Bekennt­nis ist, zeigt sich beson­ders in Zei­ten der Bewäh­rung. Seit dem ers­ten Tag des rus­si­schen Angriffs­krie­ges gegen die Ukraine haben zahl­rei­che Schüt­zen­bru­der­schaf­ten kon­krete Soli­da­ri­tät gelebt – durch huma­ni­täre Hilfe an ihre Schüt­zen­brü­der vor Ort, Spen­den­ak­tio­nen, die Auf­nahme Geflüch­te­ter und per­sön­li­che Unterstützung. 
Gerade in einer Zeit wach­sen­der natio­na­lis­ti­scher Ten­den­zen ver­ste­hen sich die Schüt­zen­bru­der­schaf­ten bewusst als Teil der euro­päi­schen Zivil­ge­sell­schaft. Sie ste­hen für ein Europa der Regio­nen, der Begeg­nung und des Dia­logs – ein Europa, das aus sei­ner Geschichte gelernt hat und das Zusam­men­halt nicht durch Abschot­tung, son­dern durch Soli­da­ri­tät und Ver­ant­wor­tung sichert.

Was erwar­ten Sie vom neuen Papst Leo XIV.? Ein stär­ke­res Bekennt­nis zur Tra­di­tion? Was bedeu­tet es, dass der BHDS als katho­li­scher Ver­band aner­kannt ist?
Salm: In sei­nen ers­ten Wor­ten an die Medien hat Papst Leo XIV. sehr bewusst an deren mora­li­sche Ver­ant­wor­tung erin­nert: an die Ver­pflich­tung zur Wahr­heit, zur Wahr­haf­tig­keit und zum Dienst am Men­schen. Damit hat er gleich zu Beginn deut­lich gemacht, dass Kom­mu­ni­ka­tion nie­mals neu­tral ist, son­dern immer ethi­sche Fol­gen hat. Diese Klar­heit ist ein wich­ti­ges Signal in einer Zeit, in der öffent­li­che Debat­ten allzu oft von Zuspit­zung und Pola­ri­sie­rung geprägt sind.
Die Frage nach einem stär­ke­ren Bekennt­nis zur Tra­di­tion greift dabei aus mei­ner Sicht zu kurz, wenn Tra­di­tion ledig­lich als Rück­griff auf frü­here For­men ver­stan­den wird. Kir­chen­ge­schicht­lich ist Tra­di­tion kein star­res Fest­hal­ten, son­dern die leben­dige Wei­ter­gabe des Glau­bens – tra­di­tio im eigent­li­chen Sinn. Die Kir­che hat sich in ihrer zwei­tau­send­jäh­ri­gen Geschichte immer wei­ter­ent­wi­ckelt, ohne ihren Kern zu ver­lie­ren. Unser Papst steht daher nicht in Kon­kur­renz zu sei­nen Vor­gän­gern, son­dern in der Kon­ti­nui­tät des Petrusdienstes. 
In die­sem Zusam­men­hang gehört auch die kri­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung mit dem momen­ta­nen deut­schen Weg zur Ehr­lich­keit. Ich meine damit den soge­nann­ten syn­oda­len Weg. Teile die­ser Dis­kus­sio­nen sind aus dem berech­tig­ten Anlie­gen nach Reform und Glaub­wür­dig­keit ent­stan­den, andere haben jedoch Erwar­tun­gen geweckt, die kir­chen­recht­lich und ekkle­sio­lo­gisch nicht erfüll­bar sind. 
Die Aner­ken­nung des BHDS als katho­li­scher Ver­band ist kein Ehren­ti­tel, son­dern ein Auf­trag. Sie bedeu­tet, dass der Bund sich aus­drück­lich zur Lehre der Kir­che bekennt, in Gemein­schaft mit dem Papst und den Bischö­fen steht und seine Tätig­keit aus dem christ­li­chen Men­schen­bild her­aus gestal­tet. Der Ver­band ver­steht sich als Teil der Kir­che und han­delt in Loya­li­tät gegen­über dem Lehr­amt, ins­be­son­dere gegen­über dem Papst in sei­nem Amt als Bischof von Rom.
In die­sem Sinne erwar­ten wir vom Hei­li­gen Vater Ori­en­tie­rung, geist­li­che Klar­heit und den Mut, die Kir­che in einer sich wan­deln­den Welt zusammenzuhalten. 

Was macht Ihnen in Ihrem Amt beson­dere Freude, was ist eher eine Last?
Salm: Die größte Freude an mei­nem Amt sind ganz ein­deu­tig die Begeg­nun­gen mit den Men­schen. Wer viel unter­wegs ist, merkt schnell: Hin­ter jeder Bru­der­schaft ste­hen Per­sön­lich­kei­ten, Enga­ge­ment und eine beein­dru­ckende Herz­lich­keit. Diese Nähe zur Basis ist ein ech­tes Pri­vi­leg – und ehr­lich gesagt auch der Grund, warum man als Hoch­meis­ter vie­les gerne auf sich nimmt.
Was mich zu Beginn mei­ner Amts­zeit aller­dings wirk­lich über­rascht hat, war weni­ger die inhalt­li­che Ver­ant­wor­tung als viel­mehr die Ter­min­lage. Plötz­lich hatte ich – zusätz­lich zu mei­nen sons­ti­gen Ver­pflich­tun­gen – rund hun­dert Ter­mine kreuz und quer durch die Repu­blik im Kalen­der. Das war nicht nur eine Über­ra­schung, son­dern eine sport­li­che Dis­zi­plin für sich. Man lernt sehr schnell, dass ein Auto kein Büro ersetzt – aber manch­mal so genutzt wird.
Also haben wir im Vor­stand die Auf­ga­ben neu zuge­schnit­ten, Ver­lei­hungs­re­geln kla­rer gefasst, Stell­ver­tre­ter im Prä­si­dium geschaf­fen und vor allem die Ter­min­struk­tur grund­le­gend ver­än­dert. Seit­dem ver­stehe ich mich – mit einem Augen­zwin­kern – ein wenig wie ein Weih­bi­schof auf Visi­ta­tion: Ich besu­che nicht mehr alle Diö­ze­san­ver­bände gleich­zei­tig, son­dern gezielt. Jedes Jahr erhält eine der sechs Diö­ze­sen beson­dere Auf­merk­sam­keit und wird bei der Ter­min­pla­nung ent­spre­chend berück­sich­tigt. Das Ergeb­nis ist deut­lich ent­spann­ter – für alle Beteiligten.

Zurück zum Adel. Wie lau­tet die kor­rekte Anrede, wenn man nicht auf “Herr Hoch­meis­ter” ver­kür­zen will? Durchlaucht?
Salm: His­to­risch betrach­tet wäre ‚Durch­laucht‘ durch­aus kor­rekt. Der Aus­druck stammt aus dem spät­mit­tel­al­ter­li­chen und früh­neu­zeit­li­chen Reichs­recht und bezeich­nete ursprüng­lich die ‚durch­leuch­tete‘, also her­vor­ge­ho­bene Stel­lung eines Fürs­ten. Durch­laucht war kein blo­ßer Höf­lich­keits­ti­tel, son­dern Aus­druck rea­ler Herr­schaft, Gerichts­bar­keit und Ver­ant­wor­tung. Er setzte Sou­ve­rä­ni­tät vor­aus – und war damit alles andere als eine Flos­kel für den Alltag.
Heute jedoch leben wir in einem bür­ger­lich-recht­li­chen Staat, und damit hat sich auch der recht­li­che Rah­men der Anrede grund­le­gend ver­än­dert. Die for­mal kor­rekte Anrede lau­tet fol­ge­rich­tig – und viel­leicht auch durch­aus beein­dru­ckend in ihrer Länge: ‚Herr Dr. Prinz zu Salm und Salm-Salm, Wild- und Rhein­graf‘. Das ist eine Anrede, die Respekt ein­flößt – vor allem vor der Atem­tech­nik des Spre­chen­den und eine Namens­länge, die auf bei­den Sei­ten ein gewis­ses Maß an Geduld vor­aus­setzt. In mei­nem frü­he­ren Berufs­le­ben hat sich daher ganz prag­ma­tisch die Kurz­form ‚Prinz Salm‘ oder ‚Dr. zu Salm‘ eta­bliert – hand­hab­bar, ver­ständ­lich und voll­kom­men ausreichend.

Was sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen in die­ser Zeit fürs Brauch­tum? Wel­che Hoff­nun­gen und Wün­sche ver­bin­den Sie mit den Schüt­zen­we­sen im 16. Jahr Ihrer Amtszeit?
Salm: Ehren­amt kon­kur­riert heute mit beruf­li­cher Belas­tung, fami­liä­ren Ver­pflich­tun­gen, und einer Viel­zahl ande­rer Ange­bote. Hinzu kom­men stei­gende orga­ni­sa­to­ri­sche, recht­li­che und finan­zi­elle Anfor­de­run­gen – etwa bei Sicher­heits­auf­la­gen, Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren oder Ver­si­che­rungs­fra­gen –, die gerade klei­nere Ver­eine an ihre Gren­zen brin­gen können.
Eine wei­tere Her­aus­for­de­rung besteht darin, Brauch­tum ver­ständ­lich zu machen. Tra­di­tio­nen erklä­ren sich heute nicht mehr von selbst. Sie müs­sen begrün­det, ein­ge­ord­net und immer wie­der neu mit Leben gefüllt wer­den, damit sie nicht als Folk­lore miss­ver­stan­den werden. 
Gleich­zei­tig sehe ich große Chan­cen. Gerade in einer Zeit der Ver­un­si­che­rung suchen viele Men­schen nach Ver­läss­lich­keit, Gemein­schaft und Sinn. Ich wün­sche mir ein Schüt­zen­we­sen, das selbst­be­wusst zu sei­nen Wer­ten steht, ohne sich abzu­schot­ten. Ein Schüt­zen­we­sen, das junge Men­schen anspricht, ihnen Ver­ant­wor­tung zutraut und ihnen Raum zur Mit­ge­stal­tung gibt. Und ein Schüt­zen­we­sen, das den Dia­log sucht – mit Kir­che, Gesell­schaft, Poli­tik und Ver­wal­tung –, um auch unter ver­än­der­ten Bedin­gun­gen hand­lungs­fä­hig zu bleiben.

 
Hoch­meis­ter im Gespräch mit Her­bert Reul
Hoch­meis­ter mit neuem Bundeskönig

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Wir wer­den uns zeit­nah bei Ihnen zurückmelden.

Mit herz­li­chem Schüt­zen­gruß
Ihr Bezirks­ver­band Neuss

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