Mareen Pauli // NGZ // 22.04.2026

Fei­ern junge Neus­ser noch?
Fei­ern auf Schüt­zen­fes­ten steht bei jun­gen Leu­ten immer noch hoch im Kurs – hier beim Neus­ser Jäger­ball 2025. Bild NGZ
„Revo­lu­tion Nacht­pa­last“: Der Club in der Nord­stadt ist in Neuss einer der letz­ten sei­ner Art. Foto: Revo­lu­tion Nachtpalast

Neuss – Frei­tag­abend, 23 Uhr. Zu die­ser Uhr­zeit fül­len sich die Stra­ßen in Groß­städ­ten wie Düs­sel­dorf und Köln mit Nacht­schwär­mern und Fei­er­lus­ti­gen. Doch nicht in Neuss: Die Ter­ras­sen der Lokale lee­ren sich lang­sam, die Musik wird gedämpft, Tische wer­den rein­ge­stellt. Par­ty­stim­mung? Fehl­an­zeige. Wo treibt sich die Neus­ser Jugend herum?

Nicht in den Innen­stadt-Clubs, so viel ist klar – denn die haben aus­nahms­los dicht­ge­macht. Mit dem „The Hid­den“ schloss Ende März die letzte Disco im Neus­ser Stadt­kern. Statt­des­sen hocken ein paar junge For­tuna-Fans auf Bän­ken vor dem Qui­ri­nus-Müns­ter, wäh­rend vor dem Café Extra­blatt einige junge Erwach­sene die Woche aus­klin­gen lassen.

Eine von ihnen ist Pia Ove­resch, die in gemüt­li­cher Runde mit ein paar Cock­tails ins Wochen­ende star­tet. Am Sams­tag wol­len die 18-Jäh­rige und ihre Freun­din­nen in den bei Stu­den­ten belieb­ten Nacht­club ‚Roon­burg’ in Köln gehen, um dort zu fei­ern. Das sei eine eher ein­ma­lige Aktion, sagt sie. In Köln war sie noch nie zum Tan­zen, in Düs­sel­dorf schon öfter. In den Club gehen – das mache sie nicht beson­ders oft. „Ich gehe gerne fei­ern“, sagt die junge Neus­se­rin, doch ihr rei­che das ein­mal im Monat.

Pia ent­spricht mit ihrem Aus­geh­ver­hal­ten eher der Regel als der Aus­nahme. Kul­tur­wis­sen­schaft­ler und Sozio­loge Robin Kuchar von der Leu­phana-Uni­ver­si­tät in Lüne­burg sagt dazu: „Das Kon­sum­ver­hal­ten hat sich ein­fach ver­än­dert.“ Stu­dien zeig­ten, dass Jugend­li­che und junge Erwach­sene lie­ber „ein­mal rich­tig“ aus­ge­hen statt viele ein­zelne Male. „Auch haben wäh­rend der Corona-Pan­de­mie meh­rere Jahr­gänge nicht ‚gelernt‘, aus­zu­ge­hen, was sich bis heute als eine Spät­folge aus­wirkt“, so Kuchars Einschätzung.

Pia gehört nicht zu den jun­gen Erwach­se­nen, die wäh­rend der Pan­de­mie auf erste Club-Erfah­run­gen ver­zich­ten muss­ten. Par­tys und Aus­ge­hen, das begann für sie erst nach Corona. Ihr Aus­geh­ver­hal­ten hat sich seit­dem aller­dings gewan­delt. Mit 16 fand man sie an Wochen­en­den oft auf der Tanz­flä­che. Auf Schüt­zen­fes­ten, Stu­fen­par­tys und Haus­par­tys sam­melte sie ihre ers­ten Feier­er­fah­run­gen. Heute ist der 18-Jäh­ri­gen Aus­tausch wich­ti­ger. „Im Club kann man halt nicht mit­ein­an­der reden“, gibt sie zu beden­ken. Daher fin­det man sie nun öfter in Neuss, zum Bei­spiel im Extra­blatt, in der Hafen­bar oder im Jimmy’s.

Der 17-jäh­rige Julian geht eben­falls eher sel­ten in den Club. Er und seine Freunde sind gerne auf Schüt­zen­fes­ten unter­wegs. „Im Club kommt da mit Ein­tritt, Min­dest­ver­zehr, Geträn­ken und Gar­de­robe eini­ges zusam­men. Ins Dorf­zelt kommt man für unter 10 Euro und manch­mal sogar kos­ten­los“, erklärt er.

Robin Kuchar ord­net ein: Große und eher teure Events wie Kon­zerte seien für viele Jugend­li­che heute wich­ti­ger, vor allem, wenn sie im Inter­net bewor­ben wer­den. Dadurch fehle das Geld fürs regel­mä­ßige Fei­ern am Wochen­ende. Heißt das nun Zei­ten­wende für das Neus­ser Nacht­le­ben? Marc Michael, der ehe­ma­lige Besit­zer des „The Hid­den“, schwelgt in Erin­ne­run­gen: „Frü­her war ja hier in Neuss irgend­wie jeder Kel­ler ne Disco“. Der Club, der Ende März den Betrieb ein­stellte, war der Letzte sei­ner Art in der Neus­ser Innen­stadt. Michael hat fest­ge­stellt, dass es die jun­gen Leute immer sel­te­ner in Dis­cos zieht – und ver­mehrt ins pri­vate Umfeld. Seine These: Frü­her gab es weder Net­flix noch Spo­tify. Heute macht man es sich damit eben schon mal auf dem Sofa bequem.

Die Psy­cho­lo­gin Ste­fa­nie Kirsch­baum hat viele Ver­mu­tun­gen, was die schrump­fende Fei­er­lust der Jugend­li­chen betrifft. So habe die junge Gene­ra­tion ein star­kes Gesund­heits­be­wusst­sein ent­wi­ckelt. Viele gin­gen stun­den­lang ins Fit­ness­stu­dio oder trän­ken kei­nen oder deut­lich weni­ger Alko­hol. Das Fei­ern passe dann oft nicht mehr zum Lebensstil.

Lau­reen Gatzka schränkt es nicht in ihrer Aus­gehlust ein, dass sie kei­nen Alko­hol trinkt. Die 18-Jäh­rige sieht kei­nen Grund dafür. Sie fei­ert ebenso gerne mit einer Cola und kommt pro­blem­los mit ande­ren Men­schen ins Gespräch. In ihrem Freun­des­kreis ist man auch so gut drauf: „Da fragt nie­mand blöd, wenn ich nichts trinke“. Ins­ge­samt fühlt sich die junge Neus­se­rin auf pri­vat orga­ni­sier­ten Fei­ern und Schüt­zen­fes­ten oft woh­ler als im Club. „An Schüt­zen­fest kom­men alle nach Hause und man kennt sich“, sagt die Stu­den­tin. Sie fände es schön, wenn es in Neuss öfter so zuginge wie an Schüt­zen­fest: „Da sind die Stra­ßen vol­ler Men­schen, man trifft viele aus der Schul­zeit wie­der, über­all ist was los und die Stim­mung ist gut“.

Psy­cho­lo­gin Kirsch­baum beob­ach­tet neben einem stär­ke­ren Gesund­heits­be­wusst­sein und gesun­ke­nem Alko­hol­kon­sum, dass viele Jugend­li­che und junge Erwach­sene deut­lich reflek­tier­ter als zu ihrer Zeit sind. Sie finde das beein­dru­ckend, sehe die Ent­wick­lung aber auch kri­tisch: Es schränke einen in gewis­ser Weise ein, zu reflek­tiert in jun­gen Jah­ren zu sein. „Meine Gene­ra­tion war noch unbe­schwer­ter“, erin­nert sie sich. Wenn die Clubs leer blie­ben, ginge etwas ver­lo­ren. „Die Fähig­keit, sich zu zei­gen, mit frem­den Men­schen Kon­takt auf­zu­neh­men, ist essen­zi­ell“, unter­streicht die Psychologin.

Auch Kul­tur­wis­sen­schaft­ler Kuchar hält Aus­ge­hen für wich­tig. Junge Men­schen bräuch­ten ein Ven­til – einen Ort, sich „ohne viele Regeln, abseits der gesell­schaft­li­chen Norm aus­zu­las­sen“. Er könne sich aber auch vor­stel­len, dass das Ven­til für die Jugend­li­chen in Zukunft ein ande­res als der Club sein wird.

Was heißt das nun für Neuss? Frü­her war vie­les anders – aber Ver­än­de­run­gen schaf­fen ja bekannt­lich Platz für Neues. Man müsse bei der Stadt­pla­nung kon­kret auf die Wün­sche und Bedürf­nisse der Gene­ra­tion ein­ge­hen, sagt Kuchar. Ob das dann in Zukunft Clubs sind, die für die jun­gen Erwach­se­nen und Jugend­li­chen rele­vant sein wer­den, wird sich zeigen.

Vie­len Dank für Ihre Nach­richt.
Wir wer­den uns zeit­nah bei Ihnen zurückmelden.

Mit herz­li­chem Schüt­zen­gruß
Ihr Bezirks­ver­band Neuss

6 + 5 =