Neuss – Freitagabend, 23 Uhr. Zu dieser Uhrzeit füllen sich die Straßen in Großstädten wie Düsseldorf und Köln mit Nachtschwärmern und Feierlustigen. Doch nicht in Neuss: Die Terrassen der Lokale leeren sich langsam, die Musik wird gedämpft, Tische werden reingestellt. Partystimmung? Fehlanzeige. Wo treibt sich die Neusser Jugend herum?
Nicht in den Innenstadt-Clubs, so viel ist klar – denn die haben ausnahmslos dichtgemacht. Mit dem „The Hidden“ schloss Ende März die letzte Disco im Neusser Stadtkern. Stattdessen hocken ein paar junge Fortuna-Fans auf Bänken vor dem Quirinus-Münster, während vor dem Café Extrablatt einige junge Erwachsene die Woche ausklingen lassen.
Eine von ihnen ist Pia Overesch, die in gemütlicher Runde mit ein paar Cocktails ins Wochenende startet. Am Samstag wollen die 18-Jährige und ihre Freundinnen in den bei Studenten beliebten Nachtclub ‚Roonburg’ in Köln gehen, um dort zu feiern. Das sei eine eher einmalige Aktion, sagt sie. In Köln war sie noch nie zum Tanzen, in Düsseldorf schon öfter. In den Club gehen – das mache sie nicht besonders oft. „Ich gehe gerne feiern“, sagt die junge Neusserin, doch ihr reiche das einmal im Monat.
Pia entspricht mit ihrem Ausgehverhalten eher der Regel als der Ausnahme. Kulturwissenschaftler und Soziologe Robin Kuchar von der Leuphana-Universität in Lüneburg sagt dazu: „Das Konsumverhalten hat sich einfach verändert.“ Studien zeigten, dass Jugendliche und junge Erwachsene lieber „einmal richtig“ ausgehen statt viele einzelne Male. „Auch haben während der Corona-Pandemie mehrere Jahrgänge nicht ‚gelernt‘, auszugehen, was sich bis heute als eine Spätfolge auswirkt“, so Kuchars Einschätzung.
Pia gehört nicht zu den jungen Erwachsenen, die während der Pandemie auf erste Club-Erfahrungen verzichten mussten. Partys und Ausgehen, das begann für sie erst nach Corona. Ihr Ausgehverhalten hat sich seitdem allerdings gewandelt. Mit 16 fand man sie an Wochenenden oft auf der Tanzfläche. Auf Schützenfesten, Stufenpartys und Hauspartys sammelte sie ihre ersten Feiererfahrungen. Heute ist der 18-Jährigen Austausch wichtiger. „Im Club kann man halt nicht miteinander reden“, gibt sie zu bedenken. Daher findet man sie nun öfter in Neuss, zum Beispiel im Extrablatt, in der Hafenbar oder im Jimmy’s.
Der 17-jährige Julian geht ebenfalls eher selten in den Club. Er und seine Freunde sind gerne auf Schützenfesten unterwegs. „Im Club kommt da mit Eintritt, Mindestverzehr, Getränken und Garderobe einiges zusammen. Ins Dorfzelt kommt man für unter 10 Euro und manchmal sogar kostenlos“, erklärt er.
Robin Kuchar ordnet ein: Große und eher teure Events wie Konzerte seien für viele Jugendliche heute wichtiger, vor allem, wenn sie im Internet beworben werden. Dadurch fehle das Geld fürs regelmäßige Feiern am Wochenende. Heißt das nun Zeitenwende für das Neusser Nachtleben? Marc Michael, der ehemalige Besitzer des „The Hidden“, schwelgt in Erinnerungen: „Früher war ja hier in Neuss irgendwie jeder Keller ne Disco“. Der Club, der Ende März den Betrieb einstellte, war der Letzte seiner Art in der Neusser Innenstadt. Michael hat festgestellt, dass es die jungen Leute immer seltener in Discos zieht – und vermehrt ins private Umfeld. Seine These: Früher gab es weder Netflix noch Spotify. Heute macht man es sich damit eben schon mal auf dem Sofa bequem.
Die Psychologin Stefanie Kirschbaum hat viele Vermutungen, was die schrumpfende Feierlust der Jugendlichen betrifft. So habe die junge Generation ein starkes Gesundheitsbewusstsein entwickelt. Viele gingen stundenlang ins Fitnessstudio oder tränken keinen oder deutlich weniger Alkohol. Das Feiern passe dann oft nicht mehr zum Lebensstil.
Laureen Gatzka schränkt es nicht in ihrer Ausgehlust ein, dass sie keinen Alkohol trinkt. Die 18-Jährige sieht keinen Grund dafür. Sie feiert ebenso gerne mit einer Cola und kommt problemlos mit anderen Menschen ins Gespräch. In ihrem Freundeskreis ist man auch so gut drauf: „Da fragt niemand blöd, wenn ich nichts trinke“. Insgesamt fühlt sich die junge Neusserin auf privat organisierten Feiern und Schützenfesten oft wohler als im Club. „An Schützenfest kommen alle nach Hause und man kennt sich“, sagt die Studentin. Sie fände es schön, wenn es in Neuss öfter so zuginge wie an Schützenfest: „Da sind die Straßen voller Menschen, man trifft viele aus der Schulzeit wieder, überall ist was los und die Stimmung ist gut“.
Psychologin Kirschbaum beobachtet neben einem stärkeren Gesundheitsbewusstsein und gesunkenem Alkoholkonsum, dass viele Jugendliche und junge Erwachsene deutlich reflektierter als zu ihrer Zeit sind. Sie finde das beeindruckend, sehe die Entwicklung aber auch kritisch: Es schränke einen in gewisser Weise ein, zu reflektiert in jungen Jahren zu sein. „Meine Generation war noch unbeschwerter“, erinnert sie sich. Wenn die Clubs leer blieben, ginge etwas verloren. „Die Fähigkeit, sich zu zeigen, mit fremden Menschen Kontakt aufzunehmen, ist essenziell“, unterstreicht die Psychologin.
Auch Kulturwissenschaftler Kuchar hält Ausgehen für wichtig. Junge Menschen bräuchten ein Ventil – einen Ort, sich „ohne viele Regeln, abseits der gesellschaftlichen Norm auszulassen“. Er könne sich aber auch vorstellen, dass das Ventil für die Jugendlichen in Zukunft ein anderes als der Club sein wird.
Was heißt das nun für Neuss? Früher war vieles anders – aber Veränderungen schaffen ja bekanntlich Platz für Neues. Man müsse bei der Stadtplanung konkret auf die Wünsche und Bedürfnisse der Generation eingehen, sagt Kuchar. Ob das dann in Zukunft Clubs sind, die für die jungen Erwachsenen und Jugendlichen relevant sein werden, wird sich zeigen.


