Kaarst – Die Schützenbruderschaften sind die ältesten Vereine in Kaarst, das Schützenfest war der gesellschaftliche Höhepunkt des Jahres“, sagte Sven Woelke. Er ist seit zehn Jahren Leiter des Stadtarchivs. Ansgar Klein arbeitet die Geschichte der Stadt zwischen 1918 und 1949 auf, Britta Spies ist Leiterin des Neusser Schützenmuseums. Im Rahmen der Vortragsreihe „Stadtgeschichte am Abend“ beleuchteten Spies und Klein die Lage vor allem während des Zweiten Weltkriegs: Zu welchen Einschränkungen war es gekommen? Waren die Schützen der Nazi-Ideologie in Massen gefolgt? Auf diese und andere interessante Fragen sollte es Antworten geben.
Der erste Eindruck war enttäuschend: Im Vortragsraum der Volkshochschule sollten einige Plätze unbesetzt bleiben, und das, obwohl es in Kaarst rund 3000 Schützen gibt. Britta Spies, seit 2006 Leiterin des Schützenmuseums in Neuss, weiß, was während der Nazizeit so gelaufen ist. „Ach, Frau Spies, wer kann sich über diese Zeit schon ein Urteil erlauben?“, höre sie immer wieder. Dabei wehten in der Quirinusstadt schon sehr früh die Hakenkreuzfahnen. Parteigrößen der NSDAP zeigten sich gerne im Saal der Bürgergesellschaft, das Schützenwesen bot ihnen eine öffentliche Bühne. Der Schützenkönig von 1933 war der Unternehmer Werner Schaurte. „Er trat zum Vogelschuss in SA-Uniform an, später sollte er sich für Frack und Zylinder entscheiden. Er bekam als Neusser Schützenkönig ein Gemälde des Führers geschenkt“, berichtete Spies. Dem „Volkskanzler Adolf Hitler“ wurde auch in Neuss gehuldigt.
Zurückhaltung gab es dagegen bei der Verwendung der SS-Symbolik. Die Jahre 1933 und 1934 waren die Zeit der totalen Kontrolle. „Die Sportschützen waren als Erste von der Gleichschaltung betroffen“, sagte Britta Spies. Immerhin blieb der Neusser Bürger-Schützen-Verein unabhängig. Dass Schützen gerne schießen, passte den Nazis gut in den Kram. „Wehrtüchtigkeit“ lautete das Zauberwort. Den Nazis sei allerdings daran gelegen gewesen, die religiösen Bindungen zu kappen. Die Kirchen sollten ihrer Bedeutung beraubt werden. Einige Schützenzüge änderten ihre Namen. Aus dem Jägerzug „Jung Kolping“ wurde der Zug „Edelwild“ – dieser Name blieb bis heute unverändert. Ansgar Klein erklärte, dass die Nazis an Männern interessiert waren, die sich für den Schießsport interessierten.
In Kaarst und Büttgen habe von 1933 bis 1935 wie gewohnt Schützenfest gefeiert werden können. Klein berichtete von einem Eklat beim Königsvogelschießen in Büttgen. Königsanwärter sollten ihre arische Abstammung nachweisen. Es sei turbulent zugegangen, der stellvertretende Brudermeister Engelbert Holzapfel habe beherzt die Munition an sich genommen. Nach einer hitzigen Debatte mit einigen Rangeleien konnte sich die Bruderschaft durchsetzen, auch im darauffolgenden Jahr. Unter dem Druck der Nationalsozialisten wurden aus den Schützenbruderschaften Volks- und Heimatvereine. Während der Zeit des Zweiten Weltkriegs gab es keine Schützenfeste. Eine Erklärung hierfür: Viele Schützen waren an der Front. 1947 beziehungsweise 1948 ging es dann aber wieder los. Das Gebiet der heutigen Stadt Kaarst stand unter britischem Kommando. Die ersten Schützenfeste mussten ohne funktionierende Gewehre gefeiert werden. Britta Spies war zu folgender Bewertung gekommen: „Es gab Mitläufer, aber auch Schützen, die in Bezug auf den Nationalsozialismus sehr zurückhaltend waren. Echte Widerstandskämpfer hat es aus meiner Sicht nicht gegeben.“
Wie sind Schützen damals mit jüdischen Bürgern umgegangen? „Dieses Gebiet ist nahezu unerforscht“, erklärte Spies. Sie habe sich die Fackelzüge und Mottowagen aus dieser unrühmlichen Zeit angeschaut. Das Ergebnis: Sie hatte nichts gefunden, was mit Judenhetze oder ‑diskriminierung zu tun hat. Über 90 Prozent der Bevölkerung in Kaarst und Büttgen war damals katholisch. Die Nazis wollten die Schützenfeste von allen religiösen Elementen befreien. Das war auch in Neuss so. 1937 hatten sich dort die Geistlichen offiziell gegen die Nationalsozialisten positioniert

