RUDOLF BARNHOLT // NGZ // 23.04.2026

In SA-Uni­form an die Vogelstange
Schüt­zen­kö­nig Her­mann Krause bei der Regi­ments­ab­nahme mit dem NSDAP-Orts­grup­pen­lei­ter Rudolf Scheib­ner im Jahr 1934 auf der Adolf-Hit­ler-Straße in Bütt­gen. Foto: Stadtarchiv

Kaarst – Die Schüt­zen­bru­der­schaf­ten sind die ältes­ten Ver­eine in Kaarst, das Schüt­zen­fest war der gesell­schaft­li­che Höhe­punkt des Jah­res“, sagte Sven Woelke. Er ist seit zehn Jah­ren Lei­ter des Stadt­ar­chivs. Ans­gar Klein arbei­tet die Geschichte der Stadt zwi­schen 1918 und 1949 auf, Britta Spies ist Lei­te­rin des Neus­ser Schüt­zen­mu­se­ums. Im Rah­men der Vor­trags­reihe „Stadt­ge­schichte am Abend“ beleuch­te­ten Spies und Klein die Lage vor allem wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs: Zu wel­chen Ein­schrän­kun­gen war es gekom­men? Waren die Schüt­zen der Nazi-Ideo­lo­gie in Mas­sen gefolgt? Auf diese und andere inter­es­sante Fra­gen sollte es Ant­wor­ten geben.

Der erste Ein­druck war ent­täu­schend: Im Vor­trags­raum der Volks­hoch­schule soll­ten einige Plätze unbe­setzt blei­ben, und das, obwohl es in Kaarst rund 3000 Schüt­zen gibt. Britta Spies, seit 2006 Lei­te­rin des Schüt­zen­mu­se­ums in Neuss, weiß, was wäh­rend der Nazi­zeit so gelau­fen ist. „Ach, Frau Spies, wer kann sich über diese Zeit schon ein Urteil erlau­ben?“, höre sie immer wie­der. Dabei weh­ten in der Qui­ri­nus­stadt schon sehr früh die Haken­kreuz­fah­nen. Par­tei­grö­ßen der NSDAP zeig­ten sich gerne im Saal der Bür­ger­ge­sell­schaft, das Schüt­zen­we­sen bot ihnen eine öffent­li­che Bühne. Der Schüt­zen­kö­nig von 1933 war der Unter­neh­mer Wer­ner Schaurte. „Er trat zum Vogel­schuss in SA-Uni­form an, spä­ter sollte er sich für Frack und Zylin­der ent­schei­den. Er bekam als Neus­ser Schüt­zen­kö­nig ein Gemälde des Füh­rers geschenkt“, berich­tete Spies. Dem „Volks­kanz­ler Adolf Hit­ler“ wurde auch in Neuss gehuldigt.

Zurück­hal­tung gab es dage­gen bei der Ver­wen­dung der SS-Sym­bo­lik. Die Jahre 1933 und 1934 waren die Zeit der tota­len Kon­trolle. „Die Sport­schüt­zen waren als Erste von der Gleich­schal­tung betrof­fen“, sagte Britta Spies. Immer­hin blieb der Neus­ser Bür­ger-Schüt­zen-Ver­ein unab­hän­gig. Dass Schüt­zen gerne schie­ßen, passte den Nazis gut in den Kram. „Wehr­tüch­tig­keit“ lau­tete das Zau­ber­wort. Den Nazis sei aller­dings daran gele­gen gewe­sen, die reli­giö­sen Bin­dun­gen zu kap­pen. Die Kir­chen soll­ten ihrer Bedeu­tung beraubt wer­den. Einige Schüt­zen­züge änder­ten ihre Namen. Aus dem Jäger­zug „Jung Kol­ping“ wurde der Zug „Edel­wild“ – die­ser Name blieb bis heute unver­än­dert. Ans­gar Klein erklärte, dass die Nazis an Män­nern inter­es­siert waren, die sich für den Schieß­sport interessierten.

In Kaarst und Bütt­gen habe von 1933 bis 1935 wie gewohnt Schüt­zen­fest gefei­ert wer­den kön­nen. Klein berich­tete von einem Eklat beim Königs­vo­gel­schie­ßen in Bütt­gen. Königs­an­wär­ter soll­ten ihre ari­sche Abstam­mung nach­wei­sen. Es sei tur­bu­lent zuge­gan­gen, der stell­ver­tre­tende Bru­der­meis­ter Engel­bert Holz­ap­fel habe beherzt die Muni­tion an sich genom­men. Nach einer hit­zi­gen Debatte mit eini­gen Ran­ge­leien konnte sich die Bru­der­schaft durch­set­zen, auch im dar­auf­fol­gen­den Jahr. Unter dem Druck der Natio­nal­so­zia­lis­ten wur­den aus den Schüt­zen­bru­der­schaf­ten Volks- und Hei­mat­ver­eine. Wäh­rend der Zeit des Zwei­ten Welt­kriegs gab es keine Schüt­zen­feste. Eine Erklä­rung hier­für: Viele Schüt­zen waren an der Front. 1947 bezie­hungs­weise 1948 ging es dann aber wie­der los. Das Gebiet der heu­ti­gen Stadt Kaarst stand unter bri­ti­schem Kom­mando. Die ers­ten Schüt­zen­feste muss­ten ohne funk­tio­nie­rende Gewehre gefei­ert wer­den. Britta Spies war zu fol­gen­der Bewer­tung gekom­men: „Es gab Mit­läu­fer, aber auch Schüt­zen, die in Bezug auf den Natio­nal­so­zia­lis­mus sehr zurück­hal­tend waren. Echte Wider­stands­kämp­fer hat es aus mei­ner Sicht nicht gegeben.“

Wie sind Schüt­zen damals mit jüdi­schen Bür­gern umge­gan­gen? „Die­ses Gebiet ist nahezu uner­forscht“, erklärte Spies. Sie habe sich die Fackel­züge und Mot­to­wa­gen aus die­ser unrühm­li­chen Zeit ange­schaut. Das Ergeb­nis: Sie hatte nichts gefun­den, was mit Juden­hetze oder ‑dis­kri­mi­nie­rung zu tun hat. Über 90 Pro­zent der Bevöl­ke­rung in Kaarst und Bütt­gen war damals katho­lisch. Die Nazis woll­ten die Schüt­zen­feste von allen reli­giö­sen Ele­men­ten befreien. Das war auch in Neuss so. 1937 hat­ten sich dort die Geist­li­chen offi­zi­ell gegen die Natio­nal­so­zia­lis­ten positioniert

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Mit herz­li­chem Schüt­zen­gruß
Ihr Bezirks­ver­band Neuss

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